Johannes Burr
Entwurf für ein Filmskript: „Der Tod und der Banker. Oder: sichere Rente.“
Filmseminar Matthis Heinzmann, HdK Berlin, 1999


Wie Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider plötzlich verschwand.

Eine charmante Geschichte in neun Szenen.

(Mögliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen oder Institutionen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt).
 

1. Szene

Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider, Aufsichtsratsvorsitzender einer großen Bank, fällt am helllichten Tag aus dem Fenster seiner Wohnung im fünften Stock, mitten unter die Leute auf die Straße.
Diese bemerken das aber gar nicht.

Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider steht auf und reibt sich ein bisschen verwundert die Augen, so als wäre er eben gerade erst aufgewacht, hebt seinen Aktenkoffer auf und hält nach seinem mausgrauen Mercedes und dem Fahrer Ausschau: „Wo ist denn nun Max mit dem Mercedes?“ Da sich weder der Mercedes noch Max weit und breit blicken lassen, beschließt Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider, heute ausnahmsweise einmal zu Fuß zur Bankdirektion zu laufen, es ist schönes Wetter und außerdem befindet die Bank sich auch gleich um die Ecke.

2. Szene

Er eilt die Stufen zum Haupteingang hoch, grüßt wie immer mit einem „Schönen guten Morgen“ den wie immer verschlafenen Pförtner in der Loge und eilt weiter, um mit Schwung die Drehflügeltür zu nehmen. Doch die gibt heute nicht nach, und Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider knallt etwas heftig gegen das Glas. Erstaunt und den aufkommenden Arger unterdrückend, versucht er mit Handzeichen und Rufen dem Pförtner klar zu machen, dass er die Türe entriegeln soll. Doch der reagiert nicht. „Ist er etwa eingeschlafen? Oder schon wieder so ein neuer, der keine Ahnung hat, dass der Aufsichtsratsvorsitzende vor ihm steht? Was ist los? Hallo?!“ Er klopft gegen die Scheibe der Loge, aber der Pförtner scheint taub und blind zu sein. „Oder, – halt – – , ach, ist heute etwa Sonntag? – – Es ist ja sonst kein Mensch hier zu sehen?“

3. Szene

Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider tritt verwirrt aus dem Gebäude an die frische Luft, um seine Gedanken ordnen zu können. Aber es gelingt ihm jetzt nicht, sich zu erinnern: „Was war denn gestern?“

4. Szene

Da fällt ihm ein, dass er doch einfach Klaus anrufen und fragen könnte. „Na, der wird sich aber wundern: ‘ob heute Sonntag ist oder ob wir heute doch die Sitzung haben?‘ – So etwas hat es ja noch nicht gegeben!“ Er holt sein Handy hervor und wählt eine Nummer. Am anderen Ende meldet sich eine Stimme:
„Hallo?“
– „Ja, Klaus, hallo, ich bin’s, Hans-Jürgen, sag mal Du, – also…“
„Hallo?“
„Ja, hallo, Klaus?“
„Hallo?“
„Klaus hörst Du mich?“
„Hallo??“
– – –

5. Szene

Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider blickt auf sein Handy: „Kaputt? Nein, auch das noch!“ Schon sehr irritiert darüber, geht er ein Stück und setzt sich dann, plötzlich müde geworden, auf eine Parkbank an die Sonne.

Eine sehr beleibte ältere Dame, die ihr Hündchen zum morgendlichen Gassigehen ausführt, setzt sich auf die Parkbank, genau an die Stelle, wo Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider gedankenversunken sitzt. Erschreckt kann sich Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider gerade noch im letzten Moment auf die andere Parkbankseite retten. Das Hündchen kläfft in seine Richtung und zerrt heftig an der Leine. Die Dame: „Halt mal die Klappe, Maxi. Sch.. sch…, komm her!“ Er will die Dame daraufhin ansprechen, aber lässt es dann, einer dunklen Ahnung folgend, doch bleiben. Außerdem erinnert sie ihn an irgendetwas Unangenehmes. „Was war das denn bloß gewesen?“ Das Hündchen kläfft noch immer, schnuppert an seinem Hosenbein Und die Dame zetert weiter.

Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider wird plötzlich bewusst, wie hungrig er ist. Während er aufsteht, streicht er dem kleinen kläffenden Hund übern Kopf: „Ist ja gut, Kleiner.“ Er beschließt, in dem Restaurant um die Ecke etwas essen zu gehen.

6. Szene

Er setzt sich an einen kleinen Tisch und wartet, guckt in die Karte. Der Kellner läuft immer wieder an seinem Tisch vorbei, es scheint viel los zu sein, Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider gibt ihm immer wieder Handzeichen, versucht sich bemerkbar zu machen, er möchte was bestellen. Doch niemand reagiert. Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider wird immer nervöser, steht schließlich auf und geht an die Theke, um sich zu beschweren. Niemand reagiert. Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider verliert langsam die Fassung, er verlangt lauthals den Geschäftsführer, haut mit der Faust auf die Theke, brüllt, packt den Kassierer am Ärmel. Nichts passiert…

7. Szene

Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider verliert fast völlig den Kopf, verlässt hastig das Lokal, verliert seinen Mantel und den Schal auf der Straße, wird beinahe von einem Auto überfahren, bleibt dann plötzlich, völlig ausser Atem, stehen und greift sich an den Kopf: „Was, wenn ich un…? – Nein, also, Du spinnst. Wie soll das…?“

8. Szene

Zögernd stellt er sich dem nächsten Passanten in den Weg, beginnt mit den Armen heftig zu rudern, zu fuchteln, brüllt, johlt, singt, so laut er kann. – Der Passant läuft einfach durch ihn hindurch. Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider hält verdutzt inne, greift sich wieder an die Stirn, lacht mit einem Mal auf und beginnt, den Bürgersteig laut singend und johlend rauf und runter zu rennen, hüpft, wie ein kleiner Junge, lacht, bis er schließlich verschwitzt und völlig erschöpft sich an die Plakatwand lehnen will, vor der er gerade zum Stehen gekommen ist.

9. Szene

Doch er zögert, offensichtlich ist ihm eine Idee gekommen, er überlegt, und greift schließlich mit der Hand in die Wand. Die Hand verschwindet in der Wand. Kurzentschlossen macht er einen Schritt auf die Plakatwand zu und verschwindet mit einem kleinen Sprung in dem Plakat.

Auf dem Plakat ist eine sympathische junge Frau zu sehen, darüber der Spruch:
„Mit PrivatRentePlus brauchen Sie nie mehr an ein Ende zu denken. Gehen sie auf Nummer sicher! BB Bank.“


Dramaturgie:

Szene 1
Passant läuft durch ihn hindurch.

Zwischen den Szenen, als Übergänge, immer wieder Schneider nachdenkend, sich konzentrierend, seine Gedanken ordnend… (N)


Szene 2

Im Bankgebäude. Er kommt nicht rein. Körper bildet noch Widerstand ist aber unsichtbar.

Szene 3.
Innehalten. Handyanruf Klaus. (N)

Szene 4
Alte Dame mit dem Hündchen (N kurz)

Szene 5
Im Restaurant. Szene auf der Toilette: kein Spiegelbild im Spiegel. (N kurz)

Szene 6
Innehalten auf der Straße nach Beinahe-Unfall (N lang)

Szene 7
Rekapitulation/Rückblende. Fenstersturz. Aufstehen nach dem Sturz. Mercedes, Chauffeur usw. → zur Arbeit gehen.

Szene 8
Schneider außer Rand und Band (schnelle Schnitte). Hat Spaß daran wie ein Kind, die Leute foppen zu können, ohne dass sie es merken. Gleichzeitig Angst durch die totale Isolation. Stimmung verdüstert sich, wenn ihm Situationen aus seinem Leben scheinbar auf der Straße wiederbegegnen (Retrospektive – Schneider erlebt gewisse Lebenssituationen erneut).

Szene 9
Hält Hand ins Plakat, verschwindet in der Plakatwand. Ende.

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